Marion in der Schule
Marion freute sich auf die Schule. Sie hatte von ihrer Schwester so viel beigebracht bekommen, dass sie schon vor dem Anfang der Schule ein bisschen rechnen und fast das ganze Alphabet schreiben konnte. Ihre Schwester hatte immer gesagt, sie solle sich aufs Lesen lernen freuen, es sei zwar toll, sich Geschichten vorlesen zu lassen, aber sie selbst zu lesen sei noch viiiiiel toller. Und wenn die grosse Schwester das sagt, muss es stimmen.
Am Anfang ging in der Schule auch alles gut. Sie war neugierig und wollte alles wissen, sie lernte auch schnell. Aber immer dann, wenn etwas drankam, das sie schon kannte, passte sie nicht mehr so genau auf.
Nach einem halben Jahr machte es Marion nicht mehr soviel Spass. Sie lernte immer noch gern, aber sie hätte gern auch mit den anderen Kindern gespielt. Die anderen wollten sie aber nicht.
Sie brauchte sich nicht an die Einsamkeit zu gewöhnen, denn im Grunde war sie schon im Kindergarten immer alleine gewesen. Pausen kann man mit viel Phantasie auch gut alleine verbringen und den Heimweg noch viel besser, vor allem, wenn soviel Natur auf dem Heimweg liegt, wie es bei ihr war. Sie erfand endlose Geschichten, bis sie zuhause war, die sie natürlich keinem erzählte, sondern ganz für sich behielt. Und die Hauptheldin der Geschichten war natürlich sie selbst.
Noch ein Jahr später machte es Marion kaum noch Spass. Die Lehrerin war toll und sorgte dafür, dass sie beim Unterricht dabei war und lernte; einmal überraschte sie Marion mit ihrem Lieblingsthema: Den Dinosauriern. Da wusste sie zwar schon alles, toll war es aber trotzdem.
Nach der dritten Klasse wurde es richtig schlimm für sie. Die anderen Kinder hatten sie noch nie gemocht, aber die Lehrerin, die sie bis dahin hatte, war damit sehr gut umgegangen und hatte dafür gesorgt, dass es ihr trotzdem wohl sein konnte. Der Lehrer, den sie jetzt hatte, mochte sie auch nicht und zeigte es ihr auch. Er warf ihr vor, unkonzentriert zu sein, nicht richtig mitarbeiten zu wollen und ein Stück weit stimmte es, Marion wollte nicht mehr mitarbeiten, sie wurde immer nur ausgeschlossen und immer öfter sogar ausgelacht. Jede Gruppenarbeit gestaltete sich allmählich zu einem richtigen Horrorerlebnis und dass der Lehrer ihr manchmal nicht folgen konnte, machte die Sache keinesfalls besser. Marion hatte seit dieser Zeit oft Bauchschmerzen, wenn sie morgens aufstehen und in die Schule gehen sollte und wurde nach jeden Ferien krank.
In der fünften Klasse bekam sie wieder einen neuen Lehrer. Der wirkte anfangs etwas besser als der alte, fand es aber nicht gut, dass Marion ihn manchmal korrigierte, wenn er einen Fehler in Deutsch machte. Sie wusste es oft einfach zu gut, wo sie doch zuhause nur Hochdeutsch sprachen und nicht Schweizerdeutsch, wie alle anderen.
Mit ihren Mitschülern verstand sie sich immer schlechter, obwohl sie alles versuchte, um mit ihnen normal umgehen zu können. Aus den anfänglichen Ausschlüssen wurden richtige Angriffe, erst auf ihre Sachen, so dass sie nichts mehr liegenlassen konnte, ohne Angst haben zu müssen, dass es jemand wegnahm oder kaputtmachte, später auch auf sie selbst, vor allem verbal.
In der siebten Klasse wurden die Kinder aus fünf Dörfern in einer Schule versammelt. Sie bekam also eine neue Klasse und neue Mitschüler wären vielleicht neutral auf sie zugegangen, aber einige aus der alten waren in derselben Klasse und erzählten viel Schlechtes über sie und alle, die mit ihr vorher in der Schule gewesen waren, waren auch auf dieser Schule. Jetzt wurden die Angriffe auch körperlich. Ihren Platz im Schulbus musste sie sich gut aussuchen, wollte sie nicht einige Haare verlieren oder auf ähnliche Art verjagt werden. Oft setzte sie ihren Sturkopf ein und setzte sich dahin, wo sie nicht gesehen werden wollte, nur damit die anderen ihren Willen nicht immer bekamen. Aber sowas strengte an und machte oft alles nur schlimmer.
Manchmal lief sie auch einfach den ganzen Weg nach Hause, denn es war weit, aber auch sehr schön durch den Wald. Aber auch das wurde von den anderen kritisch beäugt.
In der achten Klasse passierte etwas mit ihr. Von einem Tag zum anderen wurde sie ein völlig anderer Mensch und die, die sie nicht schon auf der Grundschule gekannt hatten, merkten das. Zum ersten Mal fand sie richtige Freunde, eine ganze Clique. Das allerdings merkten auch die Lehrer, denn sie hatte sich genau "die falschen" ausgesucht: Die, die rauchen und nicht brav sind. Für Marion waren es aber die richtigen. Die sprachen auch aus, was sie dachten. Und alle diejenigen, die Schlechtes über sie erzählten, ignorierten die neuen Freunde. Dennoch gab es immer noch genug andere, die sie nicht mochten und es ihr auch zeigten.
Etwa zwei Jahre lang ging es ihr relativ gut, dann stand die Frage an, was nach der Pflichtschule kommen sollte. Sie wäre gerne aufs Gymnasium gegangen, denn sie wäre auch nicht die einzige aus ihrem Freundeskreis gewesen, also versuchte sie diesen Weg. Das Gymnasium lehnte sie trotz guter Noten ab. Marion hat erst Jahre später herausgefunden, dass ihre Klassenlehrerin gelogen und nicht das Progymnasium, sondern eine niedrigere Schulstufe angegeben hatte, die sie angeblich besuchen würde (für alle Deutschen: Die Schweiz kennt keine Gesamtschule).
Marion bekam gesagt, dass eine Schule, die eine kaufmännische Ausbildung mit beinhalten würde, eine gute Wahl wäre, da man nach dieser Schule keine weitere Ausbildung mehr bräuchte. Also wählte sie diesen Weg.
Den Fehler bereute sie schnell. Auf dieser Schule ging alles so weiter wie zuvor, sie war die Aussenseiterin der Klasse, aus Ausschluss wurde sehr schnell wieder Mobbing und nur wenige Lehrer bemerkten es überhaupt. Nach zweieinhalb Jahren wechselte sie die Schule, die neue war keine Kaufmännische mehr und es waren andere Leute dort, aber auch da wiederholte sich das Spiel: Die Klasse wollte sie nicht. Zumindest aber wurde sie da nie angegriffen.
Sie hätte damals die Gelegenheit gehabt, doch ins Gymnasium einzusteigen, aber der Gedanke an noch zwei Jahre mehr Schule, als unbedingt für einen Abschluss nötig waren, kehrte ihr den Magen.
Heute bedauere ich, dass es so gekommen ist, verstehe mich selbst aber in dieser letzten Entscheidung. Die Schulzeit war, bis auf die zwei kurzen Jahre in der "bösen Clique", ein totaler Horror. Noch zwei Jahre mehr hätte ich wahrscheinlich nicht verkraftet, nicht, wenn es gleich weitergegangen wäre wie immer.
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