Die Kehrseite der Medaille
...ist in diesem Fall keine schlechte, sondern eine gute. Man kann aus dem Weg einer solchen Erkrankung sehr viel lernen und sehr viel Gutes mitnehmen.
Wenn die Seele im tiefsten und finstersten Loch steckt, das man überhaupt je erlebt hat, weiss man: Es gibt nur noch einen Weg, und der führt nach oben.
Wenn man aus dem Loch herauskommt und das Licht wieder sieht, wird man es geniessen wie nie zuvor in seinem Leben. Man wird sich fühlen, als sei es ein Wunder.
Wenn man weiss, wie es ist, in dieser Finsternis zu sein, und sich daran erinnert, wird man viel mehr schätzen, was man hat.
Aber viel mehr als diese fast schon offensichtlichen Punkte schätze ich, dass ich gelernt habe, die Welt ganz anders anzusehen - und genauso mich selbst. Ich sehe so viele Menschen, die sich ihr Leben lang einreden, ihr Leben sei gut und sie seien glücklich, aber jeden einzelnen Tag fluchen sie über ihren Job und das Wetter und dieses und jenes... obwohl diese Menschen von sich sagen, sie seien glücklich, glaube ich es keinem von ihnen. Wieso sollten sie so oft schimpfen, wenn sie doch glücklich sind? Da leide ich lieber eine Weile, erfahre danach aber echtes Glück.
Ich bin hemmungslos ehrlich mit mir selbst geworden (bzw. bin teilweise noch daran, es zu werden) und, allein schon weil ich schlecht lügen kann, auch mit meiner Umgebung. Das hat mich zwar viel gekostet - erst einige Selbstillusionen, dann einige Illusionen von meiner Umgebung - aber es hat mir auch viel gegeben, denn das, was ich jetzt weiss, ist sicher und die Menschen, die ich jetzt um mich herum habe, bleiben auch dabei.
Ich habe Erfahrungen gemacht, die andere Menschen ihr Leben lang nicht machen werden, ich habe Grenzen und Aspekte meiner Existenz gesehen, von denen andere sich nicht vorstellen können, dass es sie gibt. Ich bin noch nicht lange auf der Welt und habe trotzdem einen Erfahrungsschatz, den viele nie haben werden. Selbst wenn diese Erfahrungen negativ sind, selbst wenn ich auf viele davon gerne verzichtet hätte und sie niemandem sonst wünschen würde, kann ich trotzdem aus ihnen lernen.
Durch den Blick in den tiefsten Abgrund meiner eigenen Seele habe ich gelernt, ein Stück weit hinter die Illusionen, denen wir alle tagtäglich erliegen, zu sehen. Oft ist dieser Blick schmerzlich oder bedrohlich, dennoch ziehe ich ihn der Illusion vor. Ich habe auch gelernt, genau mit dieser Schmerzlichkeit umzugehen, ich habe gelernt, dem Leid ins Auge zu sehen, ohne mich vor ihm zu fürchten. Das ist unendlich viel wert.
Das berühmte Symbol Ying-Yang verwenden so viele Menschen, wenn sie ausdrücken wollen, dass es in der Welt immer zwei Seiten gibt, aber die wenigsten akzeptieren das Gleichgewicht zwischen diesen zwei Seiten. Viele wollen nur die eine Seite oder nur ganz wenig von der anderen in ihrem Leben, aber so geht es eben nicht. Shit happens - und zwar jedem.
Ganz besonders ist die Fähigkeit zu unglaublich intensiven Empfindungen. So tief, wie die unsäglich finsteren Löcher sein können, so unendlich hoch reichen die schönen Phasen des Lebens. Den meisten passiert es nur selten, dass eine Empfindung sie ganz und gar ausfüllt, vollkommen überrollt und bis in die letzte Zelle durchdringt. Schwarz und Weiss sind nicht genug, die Kontraste sind um ein Vielfaches höher.
Egal auf welcher Seite dieser Empfindungen, auf der Guten oder auch der Schlechten, diese Art des Fühlens möchte ich nicht aufgeben. Sie macht mich zu dem, was ich bin, sie macht mich lebendig.
Das wichtigste aber, was ich mitgenommen habe, ist meine Liebe zur Melancholie und, in diesem Kontext, meine selbstgewählte Subkultur Gothic. Es ist wunderschön, in wehmütigen Gedanken zu schwelgen, es ist wunderschön, ein trauriges Musikstück zu hören und mitzufühlen - nicht mitzuleiden, aber leidenschaftlich dabeizusein; Geschichten von Finsternis und die Optik des Bösen sind beeindruckend und faszinierend. Anfangs war das mein Weg, mit dem aufkommenden Schmerz irgendwie umzugehen; anstatt darunter zu leiden, versuchte ich, ihn zu geniessen. Dasselbe gilt für die Wut, die jeder Mensch, der verletzt wurde, kennen dürfte; da ich strikt gegen Gewalt bin und erst wieder lernen musste, selbst Wut auszudrücken, kam mir mehr als gelegen, dass so manche Band das in ihrer Musik für mich getan hat. Inzwischen möchte ich diese Denkweise und diese Art der Empfindungen nicht mehr aufgeben. Die dunkle Welt bedroht nicht nur; diese dunkle Welt hat mir Schutz gegeben und vor allem: Sie hat ausgedrückt, wofür ich lange keine Worte fand. Das mag manchem seltsam erscheinen und mir fällt es, wie ich merke, auch noch schwer, die richtigen Worte dafür zu finden, aber es ist ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens geworden - und zwar ein guter.
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