- Man stelle sich eine Fantasywelt vor, der Text ist stark als Metapher zu sehen -




Gebrochen

Seit langem hatte sie aufgehört, die Jahre zu zählen. Es war ja doch immer dasselbe. Erst war Krieg, dann kam trügerischer Frieden, der von einem neuen Krieg zerstört wurde, Jahrhundert um Jahrhundert, und in jeder einzelnen Schlacht hatte sie bisher mitgekämpft. Sie hatte ja auch guten Grund dazu gehabt. Diese Kriege, diese Kämpfe hatten ihr alles geraubt, was sie geliebt hatte, ihre Heimat, ihre Verwandten, selbst viele Freunde. Jeden dieser Schicksalsschläge hatte sie versucht zu verkraften. Aber die Zeiten waren immer nur schwieriger geworden, und Glück hatte sie nie lange zu halten vermocht. Es war ihr nicht anzusehen, zu welcher Last ihr das ewige Leben geworden war. Nach aussen wirkte sie vielleicht sogar wie am Anfang: Feurig, voller Kraft, mit einem unbrechbaren Willen gesegnet. Aber sie fühlte sich gebrochen. In jeder neuen Schlacht focht sie mit, aber nur, weil sie nichts anderes mehr kannte. Alles andere war ihr schliesslich genommen worden.
Oft zog sie sich zurück in die Einsamkeit, liess den Blick in die Ferne schweifen und wartete auf jene unheilverkündende Wolke, die die letzte Schlacht ankündigen würde. Denn sie wusste, dass diese ihr entweder alles wiedergeben oder zu guter Letzt auch noch das Leben nehmen würde. Aber sie freute sich darauf. Denn welchen Weg auch immer ihr Schicksal nehmen würde, es wäre endlich vorbei. Und so suchte sie jeden Tag aufs Neue den Kampf...