Für Angehörige

...oder wie gehe ich mit Betroffenen am besten um?

Ich kann bislang nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, aber vielleicht hilft die dem einen oder anderen. Wenn andere Betroffene eine Ergänzung haben oder etwas ganz und gar falsch finden, bitte ich sie, mir das zu schreiben! Solche Informationen sind sehr wichtig, um möglichst gut aufklären zu können.

Die meisten SVV-Betroffenen verbergen ihre Erkrankung lange vor Verwandten und Freunden, aus Scham und Angst vor den möglichen Reaktionen. So ging es mir anfangs auch. Es fing auch ganz harmlos an, kaum merklich, so dass mir anfangs gar nicht bewusst war, was da passierte, steigerte sich aber schnell, so dass ich nicht mehr sagen konnte, dass es sich nur um eine etwas merkwürdige Einzelreaktion gehandelt hätte. Zudem wusste ich, als es anfing, schon viel über das Krankheitsbild und konnte mir selbst recht schnell sagen, dass hier etwas nicht stimmt.
Der erste, mit dem ich darüber redete, war ein langjähriger Freund, den ich aber im Wesentlichen nur über ICQ, also über das Internet kannte. über diesen indirekten Weg fiel es mir auch sehr viel leichter, darüber zu reden und ich wusste, dass auch er genügend Informationen hatte, um das Erzählte richtig einzuordnen.
Der zweite, dem ich irgendetwas darüber erzählte, war mein heutiger Freund. Wir hatten uns gerade erst kennengelernt und ich weiss im Nachhinein wirklich nicht, was mich so schnell dazu bewegen konnte, ausser einem sicheren Gefühl, dass er mich verstehen würde. So war es dann auch.

Bis ich mich allerdings meiner Familie offenbarte, dauerte es noch lange. Irgendwann begriff ich, dass ich alleine nicht aus dieser Sache herauskommen würde und begann eine Therapie. Zu diesem Zeitpunkt wussten meine Eltern noch nichts über meine eigene Erkrankung, sie dachten, ich wollte die Ereignisse rund um meine Schwester verarbeiten. Ich konnte es solange verbergen, wie ich wollte, weil ich in dieser Zeit auszog - zu meinem Freund. Das war der wahrscheinlich beste Schritt, den ich tun konnte, erst die Distanz hat mir vieles ermöglicht.
Getraut habe ich mich schliesslich auf schriftlichem Weg: Meine Eltern haben einen Brief von mir erhalten. Ich kann jedem Betroffenen, der den Mut nicht hat, es direkt auszusprechen, diesen Weg nur empfehlen. Man hat die Möglichkeit, alles niederzuschreiben, was einem in diesem Moment durch den Kopf geht, man hat die Möglichkeit, immer wieder neu zu formulieren, bis man genau das sagt, was man sagen möchte, denn oft fehlen einem für so einen Schritt einfach die Worte.

Helfen?

Wenn ein Mensch, der einem nahesteht, derartig erkrankt, möchte man helfen. Egal wie, egal mit was. Und gerade beim SVV versucht man, das Symptom wegzubekommen - egal wie es dem Betroffenen gerade geht, er darf sich auf keinen Fall ein weiteres Mal etwas antun. Eine löbliche Einstellung, aber leider manchmal nicht die Richtige.
Grundsätzlich muss es das oberste Ziel sein, statt der Selbstverletzung andere Wege zu finden, um mit negativen Gefühlen umzugehen. Dabei sind alle Mittel erlaubt (siehe  Sich selbst überlisten), nur eines nicht: Zwang. Fängt man an, einen Betroffenen (gegen seinen Willen) zu kontrollieren und überwachen, steigert sich der Druck nur - und man findet IMMER einen Weg, sich wehzutun.
Am meisten tun kann man, indem man dem Betroffenen anbietet, bei Problemen zu einem zu kommen und zu reden. Es hat bei mir selbst nach diesem wichtigen Schritt, über die Selbstverletzung zu sprechen, nochmal zwei Jahre (mit Therapie!) gedauert, bis ich anfangen konnte, meinem Freund vieles zu erzählen und gerade erst jetzt lerne ich, mir auch ausserhalb der Beziehung Hilfe zu suchen, bei Freundinnen.
Wer sich schneidet, weint rote Tränen. Wer klare Tränen weint, braucht die roten nicht mehr. Weinen ist das beste Mittel, um den inneren Druck loszuwerden (jedenfalls meistens). Aus meiner Sicht ist es ein gutes Zeichen, wenn ein Betroffener weint, selbst wenn er stundenlang weint.

Dinge, die man einfach nicht hören möchte

"Komm, lach doch mal wieder."
Dieser Satz macht mich rasend. Wenn ich traurig bin und mir jemand sagt, ich solle wieder fröhlich sein, sagt mir das vor allem, dass der Mensch nicht begriffen hat, dass ich nun mal traurig bin.
"Los, gehen wir weg, das bringt dich auf andere Gedanken."
Die Auseinandersetzung mit dem, was einen zu solchen Handlungen treibt, ist unheimlich wichtig. Das Letzte, was man dann gebrauchen kann, ist, dass man wieder alles wegpackt, eine Maske aufsetzt und tut, als ginge es einem gut, nur weil man sich in der Öffentlichkeit befindet bzw. jemand das von einem wünscht.

Worte, die guttun

"Möchtest du einen heissen Tee / ...?"
Manchmal rührt mich so ein Satz zu Tränen, weil er zeigt, dass der Mensch sich um mein Wohl kümmert, gleichzeitig aber respektiert, was ich möchte.
"Magst du reden?"
Wenn mich jemand so etwas fragt, merke ich, dass ich ein offenes Ohr finde, wenn ich möchte, aber auch hier kann ich mich genauso dagegen entscheiden, wenn es mir zuviel wäre zu reden.
"Kann ich irgendetwas für dich tun?"
Auch hier habe ich wieder die Entscheidung, ob ich die Person um etwas bitten will, das mir guttäte, oder sage, dass ich lieber allein sein möchte.

Ich vermute - obwohl das bis jetzt bei mir keiner getan hat - dass die beste Reaktion generell wäre, den Betroffenen einfach ganz direkt zu fragen: Du, wie soll ich damit umgehen, was möchtest du von mir und was möchtest du auf keinen Fall? Denn jeder Mensch tickt anders und meine Erfahrung mag auf viele teilweise zutreffen, keinesfalls aber auf alle uneingeschränkt.