Dissoziative Störungen
Offizielle Definition
Allgemein wird eine dissoziative Störung egal welcher Art diagnostiziert, wenn Erinnerungen an die Vergangenheit, die eigene Identität (damit ist nicht der Pass, sondern das Ich-Bewusstsein gemeint), die unmittelbaren Empfindungen und / oder die Kontrolle von Körperbewegungen nicht mehr normal integriert werden. Das heisst, wenn Erinnerungen zum Beispiel ausfallen oder verfälscht werden (zu einem gewissen Grad passiert das allen Menschen, bei Menschen mit dissoziativen Störungen ist das also viel stärker ausgeprägt), die eigene Identität nicht mehr sicher festgelegt ist oder nicht mehr wahrgenommen wird, Empfindungen (ohne organische Ursachen!) nicht mehr mit der Realität übereinstimmen, so dass z.B. Schmerz ausgeblendet wird und man Bewegungen oder Handlungen ausführt, über die man keine Kontrolle hat. Wie das im Detail aussieht, folgt in den Erklärungen der einzelnen Formen dissoziativer Störungen. Einige habe ich dabei ausgelassen, man findet sie unter obigem Link.
Interessant ist, dass man nicht weiss, wieviel Willkür bei dieser Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Handlungsverschiebung mitspielt und vermutet, dass das Ausmass der Störungen sozusagen von Tag zu Tag oder sogar von Stunde zu Stunde variieren kann. Aus eigener Erfahrung kann ich letzteres bestätigen, zwischen Null und Hundert gibt es alles und das eine kann von einem Moment auf den anderen ins andere umschlagen.
Dissoziative Amnesie
Die diagnostischen Leitlinien sind:
- Teilweise oder vollständige Amnesie für die Zeitdauer kürzlich erlebter traumatisierender oder belastender Ereignisse (kann manchmal nur durch Fremdanamnese, d.h. durch Befragung anderer über den Patient, aufgedeckt werden)
- bei gleichzeitig fehlenden Vergiftungen (Drogen), extremer Erschöpfung oder hirnorganischen Störungen, die eine andere Erklärung für die Amnesie liefern könnten
Das heisst, dass jemand zum Beispiel einen Unfall erlebt haben könnte, an den er sich nur teilweise oder gar nicht mehr erinnert. Um das herauszufinden, muss der Behandler mit anderen sprechen, die beim Unfall dabeiwaren oder mit der Polizei, die ihm den Ablauf des Unfalls erklären kann.
Erinnert sich der Patient teilweise, kann es sein, dass er dem ersten Therapeut manche Teile vom Anfang des Unfalls erzählt, dem zweiten manche Teile in der Mitte und dem dritten etwas vom Ende. Das heisst nicht, dass er lügt, sondern dass die dissoziative Amnesie "flackert" und sich immer wieder auf unterschiedliche Teile des Geschehens bezieht. In der Regel bleibt dabei ein "Kern" bestehen, an den sich der Patient bei keinem der drei Therapeuten erinnern kann.
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Dissoziative Fugue
Sie stellt sozusagen die Steigerung der dissoziativen Amnesie dar. Während bei ersterer "nur" eine Gedächtnislücke auftritt, handelt der Patient bei der dissoziativen Fugue, indem er, egal, wo er gerade war, weggeht.
Diagnostische Leitlinien:
- Dissoziative Amnesie
- bei gleichzeitiger zielgerichteter Ortsveränderung ausserhalb des Alltags (dabei muss von ziellosem Umherwandern unterschieden werden, am besten von Personen mit Ortskenntnissen)
- und Aufrechterhaltung der einfachen Selbstversorgung, so wie Essen und Waschen, und einfacher Interaktion mit Fremden, so wie der Kauf von Fahrkarten oder Benzin, Bestellen von Mahlzeiten etc.
So kann ein Patient während einer dissoziativen Fugue auf Fremde völlig normal wirken.
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Dissoziativer Stupor
Ein Stupor wird diagnostiziert, wenn der Patient kaum noch oder gar keine willkürlichen Bewegungen mehr aufweist und auf äussere Reize wie Licht, Geräusche oder Berührung nicht mehr normal reagiert. Der Patient sitzt oder liegt lange mehr oder minder bewegungslos da; Sprache und Bewegung sind "ausgeschaltet", während aber Haltung und Muskeltonus (Eigenspannung der Muskeln), gezielte Augenbewegungen und Atmung eindeutig belegen, dass der Patient nicht bewusstlos ist und auch nicht schläft.
Daraus ergeben sich die diagnostischen Leitlinien:
- Stupor wie beschrieben,
- Fehlen körperlicher oder spezifischer psychiatrischer Störungen, die den Stupor erklären würden,
- kurz vorangegangenes belastendes Ereignis oder aktuelle Probleme.
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Dissoziative Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindung
Hierunter fallen vor allem Störungen, bei denen der Verlust oder eine Veränderung von Empfindungen oder Bewegungsfunktionen im Zentrum stehen; treten Schmerzsymptome hinzu, fällt das Symptom unter somatoforme Störungen (psychosomatische Beschwerden). Der Patient wird durch die Störung "behindert", ohne dass eine organische Ursache auszumachen wäre; oft entgeht der Patient durch seine Behinderung einem unangenehmen seelischen Konflikt oder er drückt dadurch indirekt eine Abhängigkeit oder Verstimmung aus.
Man darf nicht glauben, dass diese Menschen simulieren würden, obwohl das Krankheitsbild danach klingt. Es ist den Patienten nicht bewusst, dass ihr Krankheitsbild psychisch ausgelöst ist und deshalb ihren Vorstellungen einer solchen Krankheit folgt (die durchaus von anatomischen Tatsachen abweichen kann).
Oft sind im Verwandten- und Freundeskreis schwere organische Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu finden.
Diagnostische Leitlinien:
- Eine körperliche Ursache muss ausgeschlossen sein
- es muss im psychologischen und sozialen Hintergrund überzeugende Erklärungen für das Auftreten der Krankheit geben.
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Sonstige dissoziative Störungen
Hier wird alles zusammengefasst, was zwar der allgemeinen Definition einer dissoziativen Störung entspricht, aber keiner der klar definierten Kategorien zugeordnet werden kann.
Darunter fällt z.B. auch das Bild der multiplen Persönlichkeit. Hier wird diskutiert, ob das überhaupt existiert; die Definition ist, dass in einem Körper zwei oder mehr Personen klar zu unterscheiden sind, wovon aber jeweils nur eine sichtbar ist. Jede dieser Persönlichkeiten hat ihre eigenen Erinnerungen, ihre eigene Identität, ihre Vorlieben und spezifischen Verhaltensweisen; die einzelnen Persönlichkeiten haben keinen Zugang zu den Erinnerungen der anderen, meistens wissen sie nicht einmal von der Existenz der anderen Personen. Multiple Persönlichkeiten entiwckeln sich durch extreme traumatische Ereignisse; der erste Persönlichkeitswechsel passiert meist sehr plötzlich im Zusammenhang mit einem solchen Ereignis.
Multiple Persönlichkeiten sind eine unheimliche Sache, aber vielleicht versteht man ihr Auftreten etwas besser, wenn man sich den Satz "Geteiltes Leid ist halbes Leid" etwas durch den Kopf gehen lässt. Wie beschrieben, tritt diese Störung unter extremen Traumata auf und dient dazu, die Last zu teilen, da ein einzelner (dieser Einzelne, der zuerst da war) nicht in der Lage wäre, sie allein zu tragen. So erklärt sich auch das Auftreten von mehr als 90 Persönlichkeiten in einem Patienten, nämlich wenn dieser wiederholt schlimmsten Traumata ausgesetzt war und immer noch mehr Personen nötig waren, um überhaupt überlebensfähig zu bleiben. Man könnte sagen, mehrere Personen waren nötig, damit diese eine Ursprungsperson nicht den Verstand verliert oder allein durch die psychische Belastung stirbt.
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Depersonalisationsstörung
Die Hauptmerkmale einer Depersonalisationsstörung sind, dass der Patient sich seiner selbst nicht mehr bewusst ist. Nach meiner Erfahrung ist das Empfinden des eigenen Körpers, der Handlungen und auch der Sprache weggerückt, "losgelöst" von mir; ich kann mir sozusagen beim Handeln zusehen. Das Gefühl des Losgelöstseins oder der Entfremdung vom Selbst stellen das Kriterium A dar.
Man fühlt sich also z.B. wie ein Roboter oder als ob man in einem Traum oder in einem Film wäre, aber nicht wie in der Realität. Man sieht sich selbst möglicherweise zu. Gleichzeitig können Emotionen völlig fehlen, obwohl zumindest ich oft so reagiert habe, als wären sie noch da: Man reagiert schliesslich so. Man weiss gleichzeitig aber, dass das nur ein Gefühlszustand ist und man nicht wirklich ein Roboter ist oder träumt (Kriterum B).
Depersonalisieren tut jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad, darum sollte die Diagnose nur gestellt werden, wenn sich ein gewisser Leidensdruck daraus ergibt (Kriterium C).
Ausserdem gilt hier, wie bei den anderen dissoziativen Störungen auch, dass die Diagnose nicht gestellt wird, wenn sie ausschliesslich im Rahmen einer anderen psychischen Störung auftritt, was sehr häufig der Fall ist, und auch nicht auf eine Krankheit oder eine eingenommene Substanz zurückführbar ist (Kriterium D).
Ähnlich ist die Derealisation. Diese bezieht sich nicht auf die eigene Person, sondern auf die Umwelt: Alles erscheint unwirklich, surreal; man könnte den Arm ausstrecken und eine Papierwand zerreissen, auf die Bilder projiziert werden oder man befindet sich wiederum in einem Traum und die Umgebung ist ungreifbar - egal, wie man die Derealisation beschreibt, der Kern bleibt derselbe, die Realität ist einfach nicht mehr real. Ich kann nicht genau unterscheiden, was von beidem meiner Glasscheibe entspricht; ich schätze, es ist eine Mischung aus beidem.
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