Wie lebt man damit?
Jeder Mensch geht anders damit um, wenn er so etwas bei sich entdeckt. Darum möchte ich hier im Wesentlichen aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen und ein wenig aus dem, was andere darüber sagen.
Von den meisten Menschen habe ich gehört, dass sie grosse Schwierigkeiten haben, diesen Aspekt an sich zu akzeptieren. Es ist sehr schwer zu begreifen, dass man erkrankt ist; es ist noch viel schwerer zu akzeptieren, dass man die Tendenz dazu wahrscheinlich ein Leben lang nicht mehr loswird. Deshalb wehren sich die meisten Menschen mit Händen und Füssen gegen jedes weitere Mal (was ja grundsätzlich gut ist, man soll schliesslich davon wegkommen).
Ich habe es aufgegeben, mich um jeden Preis zu wehren. Es hat keinen Sinn, man setzt sich selbst nur noch viel mehr unter Druck und gerade Druck ist es ja, mit dem man als Betroffener nicht umgehen kann. Viel besser ist es, einfach zu testen, wie lange es ohne geht.
Ich habe irgendwann entschieden, dass diese gewisse Dunkelheit, aus der heraus manchmal selbstschädigende Handlungen entstehen, Teil meiner Person ist und lebe seither ganz anders damit. Es macht mir nichts mehr aus, dazu zu stehen, weder vor mir selbst noch vor anderen Menschen. Es macht mir auch nichts mehr aus, wenn die Dunkelheit wieder in mir aufsteigt, weil ich sie kenne und dadurch, dass ich mich nicht gleich von Anfang an davor fürchte, dass es wieder "soweit" kommen könnte, kommt es oft nicht soweit. Wenn es dann allerdings doch so kommt, bin ich mir zwar bewusst, dass es ein Rückfall ist, kann mich selbst aber auch von der Schuld, die andere oft quält, freisprechen.
Man darf nicht meinen, dass dies der leichtere Weg ist. Es erscheint so, ist es aber keineswegs, denn zu diesem Symptom gehört die ständige Selbstbeschuldigung. Man fühlt sich an allem schuldig und für alles zu schwach. Sich selbst zu sagen, dass das nicht stimmt, ist ein gewaltiger Kraftakt.
Die Melancholie (nicht zu verwechseln mit Traurigkeit, Verzweiflung oder sogar Depression!) ist mittlerweile ein guter Freund geworden. Melancholisch zu sein heisst für mich, den schlechten Seiten des Lebens etwas Gutes abzugewinnen, denn Melancholie kann man durchaus geniessen. Ein einfaches Beispiel ist der Herbst, fast jeder mag den Anblick der bunten und im Wind herabtaumelnden Blätter - ein höchst melancholisches Bild, weiss man doch, dass dieses Farbenspiel mit Vergänglichkeit und Tod zu tun hat.
Aus dieser Einstellung heraus ist mit der Zeit die Gewissheit gewachsen, dass ich zwar jetzt noch nicht soweit bin, aber es eines Tages schaffen werde, vom SVV loszukommen und all das zu bewältigen, das mir jetzt nachstellt und mich quält. Ich weiss einfach, dass irgendwann der Tag kommt, an dem aus der Dunkelheit, die ich liebe, nicht mehr die Finsternis erwächst, die ich fürchte.
Diese Einstellung hat viel mit Selbstvertrauen zu tun, aber auch mit Konsequenz. Als ich derart angefangen hatte umzudenken, gingen mir einige sehr wertvolle Freundschaften verloren - wertvoll, wie ich sie bis anhin eingestuft hatte. Heute trauere ich nicht mehr darum. Diese Menschen hätten mir nie helfen können, sie hätten nie akzeptiert, dass es diese Schattenseite gibt und ohne sie zu akzeptieren, kann man nicht lernen, mit ihr zu leben.
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