Das Buch aus Haut

Über Worte die nie Papier noch Stift sahen
von Stefan M. alias Engelskrieger


Abschnitt 1

Am Anfang war die Finsternis
Der Erste Schritt auf einem langem Weg


Ich weiss nicht mehr genau was der Auslöser für meinen Selbsthass war aber er schlich sich leise und langsam in mein Leben, verstärkt durch den Verlust von Menschen die mehr wert waren als mein eigens Leben. Ich wurde immer verletzlicher und empfänglicher für die Meinungen anderer Menschen, Meinungen die mich früher nie interessiert oder gar verletzt hätten. Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern an dem es anfing.

Ich saß in meinem Zimmer und nähte mir einen AC/DC Aufnäher auf mein Lieblingshemd, als meine Mutter ins Zimmer kam und mir ihre Meinung kund tat.

„Schmeiß das Hemd endlich weg…du läufst immer so vergammelt rum…da muss man sie ja schämen….“

Früher wäre es nicht mal in meinem Kopf angekommen und schon in meinem Gehörgang verhalt aber in diesem Moment klang es ganz deutlich und halte laut und deutlich in meinem Schädel. Das Echo war unerträglich, es warf sich an den Wänden wieder und schien immer lauter zu werden, als ob man einen Stein in einen Teich wirf und die Wellen beim zurückprallen immer größer werden. Es entstanden plötzlich Sachen in meinem Kopf, Sätze die ich eigentlich nie gehört hatte aber die, so schien es mir, als geheime Botschaft in den Worten meiner Mutter mitschwangen.

„ Ich hasse dich….die bist nicht mein Sohn….du bist nichts wert…“

Ich weiß das sie es nicht gesagt hatte, dass sie es nie sagen würde, alles Sachen die ich eigentlich über mich dachte aber was wenn sie das selbe tat? In meinem Kopf herrschte nun Chaos, alles flogt durcheinander und verstärkte meinen Selbsthass. In diesem Gefühlsgewusel stach ich die Nadel, mit der ich kurz vorher noch nähte, tief in mein Fleisch bis es nicht mehr weiterging. Ich zog sie heraus und fuhr mit ihr, mit allem Druck den ich aufbauen konnte, über meine Haut. Als ich sah was ich da getan hatte und wie das blut an meinen Armen herunter lief, waren die ganzen Dinge in meinem Kopf wie vom Erdboden verschluckt. Da war nichts mehr nur Leere, nicht ein einziger Gedanke. Für einen Moment schien es mir gut zu gehen.

Das sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich so auf eine Meinung, Situation oder auf die Gedankenwelt die sich im meinem Kopf aus zu breiten schien, reagieren würde. Nur eins war mir gewiss in diesem Moment...es würde nicht bei einer stumpfen Nadel bleiben.


Abschnitt 2

Toystory
Das Spiel mit der Krankheit


Ich wusste dass es nicht bei der Nadel bleiben würde. Im Laufe der Zeit fand ich immer weitere Dinge mit denen ich die Gedanken aus meinem Kopf vertreiben konnte, dazu ist zu sagen das ich mir damals noch nicht bewusst war was SVV überhaupt darstellt oder ist. Eigentlich war ich mir nur der Depressionen bewusst und der Meinung dass ich so etwas dagegen unternehmen konnte, auch wenn es nur für einen Moment für Stille sorgte. Jedenfalls war die Palette an scharfen Objekten sehr weit gefächert. Ich fing an herum zu probieren, Schärfe in Bezug zu Druck und der daraus resultierenden Tiefe dass Schnittes, es sollte mich ja verletzen und nicht umbringen. Wenn ich diese Zeilen so überfliege, fällt mir auf wie krank das ganze eigentlich ist, wie eine abartige Wissenschaft der Eigenzerfleischung aber so war es bei mir damals eben, davon kann und will ich mich nicht freisprechen.

Messer, Schraubendreher, Nadeln, Gabeln?! (Das ist wohl ein Zeugnis dafür wie krank der Geist sein kann oder doch verzweifelt?), Scherben, Nägel, Reißnadeln, Zirkel, Geodreiecke, Feuerzeuge, Kochendes Wasser, Zigaretten, und etwas das ich erst zu einem späterem Zeitpunkt kennen lernen sollte…

All diese Dinge halfen mir allem Anschein nach, wobei ich heute weiß das es nicht direkt mit Hilfe zu tun hat, auch wenn es in dem Moment in dem man sich verletzt so scheint.

Erst zu einem späteren Zeitpunkt machte ich Bekanntschaft mit einem „Freund“ der immer wenn es mir schlecht ging in greifbarer Nähe lag und so als beste Lösung meiner Probleme schien. Die Rasierklinge, ich will das nicht schön reden, half mir komischerweise und das ist abstrakt, den Keim zu entblößen der langsam aber sicher Besitz von meinem Geist und auch Körper ergriff. Erst durch sie wurde mir klar was da vor sich ging, was ich da wirklich tat und das es keine „Spielerei“ ist. Ich wurde mir einer Krankheit bewusst die ich vorher nicht gesehen hatte, weder kannte.

Ich saß da und beschaute die Wunden, das Blut das aus ihnen heraus quoll und herunter lief, die alten Narben die, die Haut zierten und ich fragte mich: Bin ich allein damit?
Mir war klar dass es nicht normal war aber diese Frage machte sich in meinem Kopf breit. Ich fing an mich schlau zu machen und ich muss sagen damals war ich mir der Bedeutung dieser Zerfleischung nicht bewusst. Eines Tages fand ich das was ich unterbewusst suchte. Drei kleine Buchstaben mit einer solch großen Bedeutung, ein Abkürzung für so viel Leid und Blut, die meine Frage beantworten sollten. Eine Krankheit.

Es spielt zwar keine Rolle aber ich hab die Klinge nie über meine Unterarme wandern lassen, da ich mir bewusst war das es zu Fragen führen würde, Fragen die ich selbst nicht beantworten könnte. Es war manchmal schwer sich von ihnen fern zu halten und der Versuchung zu widerstehen wie es sich wohl anfühlen würde. Im Gegenzug musste dafür der Rest meines Körpers darunter leiden. Brustkorb, Beine, Schultern, Teilweise die Oberarme und auch die Hände, denn Verletzungen an Händen könnte man als kleinen Unfall durch eigene Dummheit herunterspielen.

Ich erkannte langsam die Krankheit und der Gedanke dass es so nicht weitergehen konnte wurde immer stärker aber es würde schwer sein sich von seinem „Spielzeug“ zu trennen.


Abschnitt 3

Trigger
Push the button


Es gibt unendlich viele Auslöser, auch Trigger genannt, die einen zum schneiden animieren können. Dabei spielt es eigentlich keine große rolle wie lang der Trigger auf uns eingewirkt hat oder wie schlimm es in dem Moment war. Manchmal können die absurdesten dinge triggernd wirken oder die kleinsten Kleinigkeiten. Ich werde eine Kurze Liste erstellen um vielleicht mal einen Einblick oder eine Übersicht zu schaffen, über die Dinge die mich persönlich triggern oder getriggert haben. Zu einem meiner persönlichen Hochleistungstrigger gehört wohl das Gespräch mit einem Menschen den ich liebe, wenn es ihnen schlecht geht und sie mir erzählen das mal wieder alles den Bach runter geht. Eine solche Situation ist schon einmal so weit aus den fugen geraten, dass ich am nächsten Tag von nichts mehr wusste aber mein Körper fast komplett mit Wunden überdeckt war.

Eine Freundin meinerseits, betrunken in ihrer Welt gefangen, fing während dem chatten mit mir an sich zu schneiden und verbreitete diese Tatsache wie eine frohe Botschaft. Das sind so diese Momente in denen es im Kopf klick macht, das Gehirn auf Autopilot ausweicht und man sich am nächsten Morgen fragt aus welchem Grund man seine Bude so mit Blut versaut hat. Wenn man von jemandem solche Botschaft und ein detailgetreues Abbild der Situation bestehend aus Worten bekommt, ist das wie eine Aufforderung zum Mitmachen.

Traurig ruhige und vor allem Musik mit entsprechendem Inhalt gehört bei mir wohl zu den Top Auslösern für eine Sitzung mit der Klinge. Was Musik angeht bin ich da sehr empfindlich und reagiere nahezu allergisch auf verschiedene Titel, was mit der Zeit auf von großem Nutzen sein kann. Musik als Ventil. Das was mich früher dazu gebracht hat Stellen meiner Haut zu entzweien, half mir später beim Abbau des unglaublich großen Druckes. Ich habe einige Zeit gebrauch um mein Denken so zu lenken, die Sucht zu unterbinden, die Schmacht nach dem Brennen auf der Haut und dem roten Fluss. Irgendwann war ich dann aber soweit und immer wenn es mir schlechter ging, ich nichts lieber getan hätte als meinen metallischen Freund mit meiner Haut bekannt zu machen, hörte ich Musik die für mich seelisch gesprochen, wie eine neunschwänzige Katze war aber statt der Klinge kamen nun Tränen zum Vorschein. Seitdem versuchte ich das Ritzen mit einem Weinkrampf, wenn man so will, unter Kontrolle zu bringen, das klappte auch erstaunlich gut, wenn auch nicht immer.
Natürlich benutzte ich auch Dinge um mich so weit zu bringen dass ich zur Klinge griff, das geschah meist aus reinem Selbsthass. Ich sah mir Bilder an, längst vergangene Dinge an denen ich noch sehr hang, Dinge die nie wieder da sein würden und es quälte mich.

Worte von Menschen die man liebt, die einen eigentlich auch lieben sollten, waren meist Grund genug sich so sehr selbst zu hassen, das man die Nacht über blutend in eine Ecke gekauert und sich Gedanken darüber macht was man falsch gemacht hat, warum einen die Menschen so hassen und wie man es beenden kann. Auf Trigger trifft man eigentlich sehr oft, nur bleibt es jedem selbst überlassen ob man sich davon runterziehen lässt, leider fehlt einem meist die Kraft und die seelische Stärke einfach darüber hinweg zu sehen. Man kann lernen sich dagegen zu wehren oder ab zu schotten aber das ist ein eigenes Thema für sich.


Abschnitt 4

Gegenwehr
Rage against the cut


Irgendwann fragt man sich, ob das alles sein muss oder einen Sinn hat, was man dagegen tun kann, irgendwas was einen davon abhalten könnte das Fleisch immer wieder zu teilen bis der Knochen zum Vorschein kommt.

Ich habe im Laufe der Zeit einige Dinge für mich persönlich gefunden die mich wirklich aktiv davon abhalten mir das immer wieder an zu tun. Eines davon ist das Spielen. Wenn ich langsam merke wie es in mir zu brodeln beginnt, starte ich Counterstrike und zocke mit meinem Clan ein paar Runden, es lenkt mich ab, da ich nicht mehr daran denke was um mich herrum passiert und mich nur auf das Spiel konzentriere. Das funktioniert mit solchen Spielen wirklich gut, da man wirklich so mit seinen Sinnen beschäftigt ist, dass man alles andere vergisst. Das ist aber nur eine Möglichkeit.

Laute Musik ist eine weiter, die auch zu meinen Lieblingsablenkungsmöglichkeiten gehört. Einfach laute aggressive hören und dabei alles rauslassen, den ganzen Schmerz und die Gedanken, einfach rumschreien und mitsingen. So kann ich meinen Hass auf andere Sachen lenken, weg von der Sache für die er gedacht war.

Die Liebe ist wohl mit eine der besten Methoden sich selbst zu fühlen ohne sich dabei zu zerfleischen. Ich kann von wahrem Glück reden, das ich eine Seele gefunden habe die mir ihre Liebe schenkt. Seit dem Tag an dem wir uns gestanden hatten, dass wir Gefühle für einander haben, verschwand auch die Klinge aus meinem Leben. Ich hoffe das ich sie nie wieder benutzen werde, da es mir nur schadet und nichts besser machen kann. Es ist ein gutes Gefühl geliebt zu werden und es stellt alles andere in den Hintergrund, den ganzen Hass und die Gedanken. Seid dieser Engel in mein Leben trat kann ich an nichts anderes denken, als an sie, egal was ich tue sie ist immer in meinem Kopf und lächelt mich an, durchdringt mich mit ihrem Blick der den Haselnussbraunen Augen entspringt. Ich liebe sie und weiss nicht mehr was ich ohne sie machen würde.

Ein gutes Gespräch hilft auch oft, wenn ich so an die nächtlichen Besuche meines besten Freundes denke, dort wird gelacht und erzählt, egal wie es mir vorher ging. In diesen Momenten kann ich einfach mal abschalten und muss mir keine Gedanken machen. Natürlich kann sich aus einem Gespräch je nach Laune des Gegenübers auch ein Trigger entwickeln, das ist mir auch schon passiert.

„Ich versuche den Tag nur deshalb unbeschadet zu überstehen, damit ich mich abends an dich kuscheln kann“

Es gibt noch viele andere Dinge auf der Liste aber die sind bei jedem anders denke ich, jeder hat eigene Wege sich von etwas abzulenken. Diese Wege müssen aber erstmal ausfindig gemacht oder manchmal sogar neu erschaffen werden. Ich kenn mich nicht genau damit aus aber ich denke das ist das was man unter den so genannten Skills versteht.


Abschnitt 5

Der Schneider
Gefühle und Klingen


Ich sitze da in der Dunkelheit, allein und still. Es ist niemand da nur ich und mein gehärteter Freund, der tief in meiner Gedankenwelt leise nach mir ruft. Meine Augen suchen auf der Oberfläche meines Körpers nach einem geeigneten Platz. Dort soll es anfangen.

Ich halte die Klinge fest zwischen den Fingern und setze sie langsam auf die Haut, beginne Druck mit dem Zeigefinger auszuüben bis sie sich, wie in Zeitlupe, unter die Haut zu graben scheint. Ich weiß nicht ob ich mir das Geräusch einbilde das entsteht wenn sich die ersten Hautschichten trennen, unter dem Druck der Klinge brechen. Das dunkle Blut bahnt sich langsam seinen Weg zur kalten Hülle und es entsteht ein wunderbar warmes Gefühl. Irgendwann hat mein ein Feingefühl für den Druck auf die Klinge, ich mache halt und fange an sie durch meine Haut wandern zu lassen. Ein roter Fluss entsteht und rinnt an meinem Arm hinab, ein Brennen setzt ein und lässt mich fühlen das ich doch noch am leben bin. Für einen Moment lang ist alles vergessen, nichts ist in meinem Kopf, ich fühl mich frei und will nicht das es aufhört.

Das ist der Grund warum es nie bei einem Schnitt bleibt, weil es nicht aufhören soll das wärmende Gefühl. Ich ziehe immer wieder neue Furchen in die Haut aus denen bald das Blut quillt, eine nach der anderen bis letzt endlich kein Platz mehr vorhanden ist.

Ich lege die Klinge beiseite und betrachte mein Werk, diese abstrakte rote Bild, auf dem die Farbe sich selbst ihren Weg sucht. Nun fühlt es sich so an als ob der gesamte Arm in Flammen steht, es schmerzt fürchterlich aber ist dennoch angenehm. Ich mache mir gar nicht erst die Mühe die Blutung zu stoppen und schaue einfach zu, wie immer mehr neue Gebilde vor meinem Auge entstehen und schließlich in einem breitem Fluss endend, von meiner Fingerspitze aus, Richtung Boden tropft.

Die große Taubheit setzt ein wenig später ein, ich fühle rein gar nichts mehr, da ist nichts mehr als eine große Leere. Man weiß nicht auf welcher Seite man steht, wie es einem wirklich geht in diesem Moment. Geht einem nun gut oder schlecht? Man weiß es einfach nicht, das einzige was man merkt ist das Brennen auf der Haut. Und dann ist da noch dieser plötzliche Ekel, wenn man nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen ist und erst dann richtig realisiert was man da gerade getan hat und sich nun selbst mit den Fragen löchert, die man schon vorher schlecht beantworten, bzw. nie beantworten konnte.

„Warum tust du das?“ „Ich weiß es nicht…“ „Warum jede Nacht?“ „Ich weiß es nicht…
„Wo ist denn dein Mut?“ „Ich weiß es nicht…“ „Warum all das Blut?“ „Es tut so gut…“

Das ist der Moment in dem ich SVV als Sucht ansehe und auch als solche erkenne. Im Grunde bin ich ein Junkie, besorg mir das was ich brauche, dieses unglaubliche Gefühl für den Augenblick und es fehlt mir nicht die Selbsterkenntnis, sondern die Kraft zum aufhören.